Das ehemalige Seenotrettungsboot TAMINA

In den Jahren 1971 und 1972 stellte die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Seebrüchiger, die DGzRS, zwölf kleine Seenotrettungsboote in Dienst, die zum einen die alten Strandrettungsboote aus dem 2. Weltkrieg ablösten und zum anderen dem wachsenden Sportbootverkehr auf  Nord- und Ostsee Rechnung tragen sollten.

Acht Strandrettungsboote waren für Stationen an der Ostsee bestimmt. Die vier Boote für den Einsatz in der Nordsee wurden bei der Schiffs- und Bootswerft Fr. Schweers in Bardenfleth/Unterweser gebaut, dort wurden seit 1957 fast alle Seenotrettungskreuzer und –boote für die DGzRS gebaut.

Äußerlich weisen beide Bauserien für Nord- und Ostsee einige Unterschiede auf, alle Boote dieser sogenannten 7-Meter-Klasse haben jedoch die gleichen Abmessungen und technischen Daten: Länge: 6,92 Meter, Breite: 2,34 Meter, ein geringer Tiefgang von nur 60 Zentimetern, einen Mercedes-Motor mit 54 PS Leistung und eine Höchstgeschwindigkeit von zehn Knoten. Die Verdrängung beträgt nur knapp zwei Tonnen. Die Namen dieser kleinen Rettungsboote wurden von der Hauptverwaltung der DGzRS in Bremen festgelegt, die Wahl friesischer und holsteinischer Mädchennamen sollte die Verbindung zur Heimat symbolisieren. Kurioser Weise wurde aber keines der Boote offiziell getauft.

Das Seenotrettungsboot „TAMINA“ gilt als erstes Fahrzeug dieser Rettungsbootklasse. Sie gehört zum Nordsee-Typ und wurde im Juli 1971 zur Erprobung auf der Nordseeinsel Langeoog stationiert. Bereits am 31. Juli 1971 absolvierte sie mit der Rettung der Yacht „Clipper“ vor Langeoog ihren ersten erfolgreichen Einsatz. Die Stationierung der TAMINA am 17. Mai 1972 auf der Insel Baltrum bedeutete dort zugleich die Wiederaufnahme der Seenotrettungsstation nach 27 Jahren. Die TAMINA war 22 Jahre auf Baltrum stationiert und kam in fast 170 Einsätzen rund 350 Menschen zu Hilfe. In der gesamten Zeit bestand die Mannschaft aus den freiwilligen Rettungsmännern Rainer Olchers und Karl Comien. Mit der Indienststellung des neuen Seenotrettungsbootes „BALTRUM“ wurde die TAMINA am 12. April 1994 aus der Rettungsflotte ausgemustert. Sie wurde an die Kurverwaltung des Nordseebades Büsum abgegeben. Diese gab der „TAMINA“ den Namen „BÜSUM“ und stellte sie der Ortsgruppe der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zur Sicherung des Badesbetriebes zur Verfügung. Bis 1997 war sie in den Sommermonaten vor den Stränden vor Büsum im Einsatz. Mancher Freund und Förderer der DGzRS wird gestutzt haben beim Anblick eines typischen DGzRS-Seenotrettungsbootes in weißer Farbgebung und mit dem großen Schriftzug „DLRG“. Mit dem Einsatz schnellerer Boote wurde die TAMINA 1997 zur Reserve degradiert und lagerte bis 2001 in einer großen Halle der Kurverwaltung, die als Winterquartier für Strandkörbe dient. Der technische und äußere Zustand litten in dieser Zeit stark, im Frühjahr 2001 wurde die TAMINA vor der drohenden Verschrottung gerettet. Nach dem Erwerb durch Dr. Claußen aus Aurich wurde sie im Mai 2001 nach Ostfriesland zurücktransportiert und noch im gleichen Jahr technisch aufgearbeitet. Im Mai und Juni 2002 wurde die wieder fahrtüchtige TAMINA beim Yachtzentrum Störtebeker in Norddeich optisch aufgearbeitet und in den Originalzustand von 1971 zurück versetzt. Seither trägt sie wieder ihr orangefarbenes Originalfarbkleid entsprechend der DGzRS-Farbgebung in den 70er-Jahren.

Am 27. Juli 2002 wurde nach 31 Jahren die Taufe nachgeholt: In Anwesenheit der Baltrumer Rettungsbootmannschaft und des langjährigen Vormanns Rainer Olchers taufte die vierjährige Ina Claußen in Norddeich das Boot auf seinen ursprünglichen und wahren Namen „TAMINA“. Sie wird als privates, fahrbereites technisches Denkmal erhalten bleiben.

Zwei weitere Seenotrettungsboote der 7-Meter-Klasse dieser Bauart sind als Denkmäler erhalten geblieben: Die „GESINA“ steht als Denkmal am Leuchtturm auf der Nordseeinsel Wangerooge. Das Strandrettungsboot „MÖVENORT“, ursprünglich 1972 als „UMMA“ in Dienst gestellt, wird seit 1999 im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven ausgestellt.

Dr. Sven Claußen

Die Inselglocke Weihnachtsausgabe 2002