Nicht nur zur Weihnachtszeit...

Oder:

Ist denn schon wieder PISA?

Es ist kein weihnachtliches Wort – „PISA“ – aber es wird uns wohl auch jedes Jahr wieder „beglücken“ bzw. „treffen“. Dieses internationale Programm, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Vergleiche zwischen den Schülern aller Länder über ihr Wissen bzw. Nicht-Wissen zu machen, diese zu studieren und zu interpretieren, bewegt uns und wird uns – auch hier auf Baltrum! – über die Weihnachtszeit hinweg bewegen. Ob wir tatsächlich in einer Bildungsnot stecken und ob wir diese Vergleiche überhaupt mögen, ist Ansichtssache.

Sicher haben wir alle schon davon gehört, dass in Bayern die „Schule schwerer“ sein soll als in Hamburg. Dürfen wir aber deshalb pauschalisieren und sagen, die Bayern wären schlauer als die Hamburger? – Sicher nicht.

Aber was ist eigentlich Bildung, wenn man angeblich mit so einer PISA-Studie alles zeigen, beweisen und (hoffentlich) verbessern kann?

Bildung bedeutet nicht, eine gute Schule (oder überhaupt eine solche Einrichtung) besucht zu haben. Wie könnten sonst Menschen in Ländern, in denen gar keine Schulen zum sozialen System gehören, gebildet sein? Ein Indianer in Nordamerika, ein Inuit in Alaska oder ein Aboriginee in Australien kann schwerlich ungebildet genannt werden, wenn er doch in seiner Gesellschaft und seinem Land die Fähigkeiten beherrscht zu überleben.

Zur Bildung gehört aber wohl, gute Lehrer bzw. gute Vorbilder zu haben, von denen man Gutes annimmt, das man später auch gebrauchen kann. Bildung bedeutet daher auch Vertrauen. Eingängige Beispiele sind der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi, der das Unterrichten als „Mutter-Kind-Beziehung“ beschrieben hat, oder der österreichische Volksschullehrer Ludwig Wittgenstein, der einigen seiner Schüler sogar Schuhe kaufte, um mit ihnen Unterrichtsgänge im Gelände unternehmen zu können.

In diesem Sinne ist unsere Baltrumer Schule eine menschliche Luxuseinrichtung. In anderen (staatlichen) Schulen haben die Lehrer in ihren großen Klassen eine durchschnittliche Aufmerksamkeitsphase, die für jeden Schüler rund 1,5 Minuten beträgt, ergo: Aufmerksame Schüler kommen öfter dran, die Masse ist grau und geht unter.

Bildung heißt nicht nur, Wissen und Fachwissen aufweisen zu können, sondern Vernetzung und Anwendung verschiedener Teilbereiche in ein großes Ganzes umzusetzen. Georg Kerschensteiner, ein führender Vertreter der Arbeitsschulbewegung, machte dabei den Anfang, indem er für den Unterricht die Planung und den Bau eines Starenkastens fächerübergreifend vorschlug. Der Inhalt mag heute belächelt werden, die Form und Methode aber nicht.

In allen Schulen wird versucht, diese wichtigen Bildungskriterien zu berücksichtigen. Als Stipendiat besuchte ich eine niederländische Hochschule und war erstaunt, wie genau dort das politische System der USA oder die Geschichte Großbritanniens durchgenommen wurden. Ich darf wohl annehmen, dass manche von uns weniger über das System des eigenen Landes Bescheid wussten, aber gerade dieses Weltwissen, das Wissen um andere Menschen, Länder und ihre Systeme und Gemeinschaften macht doch einen gebildeten Menschen aus.

Man mag bezweifeln, ob die PISA-Studie diese Lücken aufdeckt oder gar hilft, diese bald zu schließen, ganz abgesehen von den mitmenschlichen Fähigkeiten, dem Arbeiten in der Gruppe oder der Fähigkeit zur Empathie, des Sich-Hineinversetzens und Mitfühlens für andere und mit anderen.

Hierbei ist die Schule wohl doch überfordert, wenn man davon ausgeht, dass die eigentliche Sozialisation der Kinder außerhalb der Schule, im Elternhaus, in den verschiedenen Vereinen, unter Freunden und auf der Straße stattfindet.

PISA allein wird nicht die Wende oder gar die Lösung sein. Aber es ist ja bald Weihnachten, ein Fest zum Besinnen und Umdenken...

Sven Exner

Die Inselglocke Weihnachtsausgabe 2002