Hört der Engel helle Lieder

 

Vor 60 Jahren – eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen

 

Es begann völlig unspektakulär - 1945 - da nahm der damalige Kurdirektor das Angebot einer jungen Frau an, mit den Sommerfrischlern zu turnen. Was sich vor dem Krieg bewährt hatte, würde sicher auch danach gern angenommen.

Damals ahnte kein Baltrumer, welch weitreichende positive Folgen das Engagement dieser Frau für die Insel und für ihre Gäste haben würde. Denn ihre offene, fröhliche Art begeisterte viele, und mit immer neuen Ideen förderte sie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Urlauber und ihre Bindung an Baltrum.

 

Von wem hier die Rede ist? Langjährige Baltrumbesucher haben es längst erraten - von Anneliese Grossjohann, von jung und alt nur „Tante Anneliese“ genannt.

Und weshalb heute daran erinnert wird? Weil diese außergewöhnliche Frau im nächsten Jahr zum sechzigsten Mal nach Baltrum kommt, natürlich jetzt als Urlauberin, aber immer noch beim Turnen und Singen dabei.

 

Wenn sie erzählt, wie alles begann, ahnt man, wie sehr sich die Insel im Laufe dieser Zeit verändert hat.

Anfangs, nach dem Krieg, als nur ganz wenige, vor allem Erwachsene auf die Insel kamen, fand das Turnen auf einer Wiese im Westdorf statt. Beginn war 8.oo(!)Uhr, denn man ging früh schlafen, um Licht zu sparen; und stand früh auf. Zur rhythmischen Unterstützung der Leibesübungen schlug Tante Anneliese, wie wir sie voller Hochachtung weiter nennen wollen, das mitgebrachte Tamburin.

Erst ein paar Jahre später, als immer mehr Urlauber nach Baltrum kamen und die Gymnastik an den Strand verlegt wurde, kaufte die Kurverwaltung auf ihren Vorschlag hin eine kleine Ziehharmonika. Nun konnten nach Musik die Schultern gedehnt und der Beckenboden trainiert werden.

Mittlerweile wurde das Turnen so beliebt, 6oo sich reckende und streckende Kurgäste waren in der Hochsaison keine Seltenheit, dass die Kurverwaltung drei Lautsprecher genehmigte.

 

Aber es blieb nicht nur beim Turnen. Tante Anneliese führte auch das offene Singen ein.

Dazu erzählt sie, dass es nach dem Krieg verpönt war zu singen, weil es von den Nazis zur Verherrlichung ihrer Macht und Ziele missbraucht worden war. Doch irgendwann, als am Anleger ein Abschiedslied gesungen wurde, gefiel das vielen so gut, dass Anneliese nun öfter mal ein Wander- oder Seemannslied anstimmte.

Schnell wurde das Singen zu einer beleibten Einrichtung, die regelmäßig nach dem Turnen stattfand.

Einem deutschen Unternehmer aus der Schweiz, gefiel es so gut, dass er eines Tages mit vier Koffern voller Liedertexte kam und sie Tante Anneliese peu à peu jeden Morgen auf das Podest legte. Dieser „Sammelsingsang“, wie die Blätter von da an genannt wurden, kam nun mit schöner Regelmäßigkeit aus der Schweiz.

 

Und wieder hatte Tante Anneliese eine neue Idee: Warum nur morgens, warum nicht auch abends singen? Es gibt so schöne Lieder, die nicht zum Strandgetümmel passen. Gleich hinter der katholischen Kirche fand sich der richtige Platz. An manchen Mittwochabenden kamen um die 2000(!) Gäste dahin. Manch einer brachte sein Akkordeon, seine Gitarre, seine Trompete oder seine Mundharmonika mit, um Tante Anneliese zu begleiten. Seitdem gibt es das Dünensingen.

 

Als nächstes führte Tante Anneliese das Kindersportfest ein. Tägliches Kinderturnen gab es schon länger, jetzt ermunterte Tante Anneliese Eltern, mit ihr zusammen Sportfeste an Sonntagnachmittagen auszurichten, bei denen die Kinder bei ‚Sackhüpfen‘ und ‚durch den Reifen krabbeln‘, Weitsprung und Staffellauf ihre Kräfte maßen. Als Belohnung gab es ein paar Bonbons. Wie waren sie begehrt!

Als Höhepunkt führten Kinder Turnübung vor, die während der Woche eifrig eingeübt worden waren: Radschlagen und Pyramide bauen, Handstand mit Überschlag oder kleine gymnastische Choreografien. Die Kinder, stolz auf ihre Leistungen, verehrten „ihre“ Tante Anneliese.

 

Die Inselglocke Baltrum Weihnachtsausgabe - 2004

 

 

Tante Anneliese machte auch bei den "JeKaMi – Abenden“ mit, die von Pastor Post im Hotel Wietjes ins Leben gerufen wurden. Mit Beiträgen und Liedern bereicherte sie das Programm und ihr Tun ermunterte andere, ihr Scherflein zum Gelingen der Abende beizutragen.

Als die Kurverwaltung mit der Bitte an sie herantrat, den Laternen- und Lampionumzug musikalisch zu begleiten, war sie sofort dabei, denn sie unterstützte alles, was den Gästen und der Insel guttat.

Lampions und Luftballons stiftete die Kurverwaltung, eine Feuerwehrkapelle vom Festland schritt dem Zug voran. Da ihre Musik aber nicht weit genug zu hören war, lief Tante Anneliese mit dem Akkordeon in der Mitte des Zuges und spielte dort auf. Nach einem großen Rundgang, der an verschiedenen Hotels haltmachte, damit sich die Feuerwehrmänner mit einem Schnaps stärken konnten, endete der Umzug schließlich bei Stadtlander. Tante Anneliese stand mit ein paar Musikanten auf den Balkon (über dem heutigen Sturmeck) und gemeinsam wurden noch ein paar Abendlieder gesungen, bevor es nach Hause ging. Keiner, der es damals miterlebt hat, wird diese fröhlichen Umzüge vergessen.

 

Ja, wenn man Anneliese Grossjohann beim Erzählen zuhört, könnte man immer weiter berichten.

Dann kam der letzte Sommer, 1988, in dem mit Tante Anneliese geturnt und

gesungen wurde, gespielt und Programm gemacht. Nicht nur die Kinder waren traurig, auch Erwachsene konnten sich die Insel ohne sie nicht vorstellen. Aber auch hier hatte sie voraus gedacht und eine kompetente Nachfolgerin gefunden.

 

Was also so unspektakulär begann, prägte letztendlich über Jahrzehnte die familiäre Ausstrahlung von Baltrum. Natürlich hat sich manches davon überlebt oder geändert, das ist der Lauf der Zeit. Die Anfänge aber, wie das Turnen oder Strand- und Dünensingen, das Kinderturnen haben überdauert und finden auch heute (ab 10.00 Uhr) noch regen Zuspruch. Es gehört halt zu „unserem“ Baltrum.

Und dass es genau so ist, wie es ist, nämlich kein Animationsgehabe sondern vergnügtes Miteinander, statt Perfektion lieber Spaß haben, das verdanken wir Anneliese Grosjohann. Auf ein frohes Wiedersehen im Sommer 2005, liebe Tante Anneliese!

 

Gerlinde Wiencirz