O Heiland, reiß die Himmel auf

 

Wetter wie vor 50 Jahren

 

Ein stürmischer Septembertag, mit meiner Freundin – eine achtjährige Setter-Hündin - gehe ich zum Westkopf unserer Insel. Sie mag dieses Wetter; ich nutze den Gang, um - soweit es die Sicht zulässt - aufs Meer zu schauen. Als ehemaliger freiwilliger Rettungsmann befürchtet man doch immer, dass von See her Not-Signale Hilfe herbei rufen wollen, vielleicht ist es die letzte Rakete!

An der Nord-West-Ecke spürt man den orkanartigen Sturm und die Regenschauer gehen trotz Lederkleidung bis auf die Haut. Ich denke an die Leute auf See und da fällt mir der Seenotfall

der „Nossan“ von vor 50 Jahren ein. Die müssen damals, denke ich mir, genauso ein Wetter wie wir heute, durchfahren haben.

Wie war es damals? Bei stürmischem Wetter verlässt der Lotse die „Nossan“ vor der Elbmündung, das Küstenmotorschiff fährt unter schwedischer Flagge, hat eine Besatzung von fünf Männern und soll Holz als Decksladung von Stockholm nach London bringen.

Die Reise geht nördlich unserer Inseln entlang. Eine gut aufeinander eingespielte Mannschaft und die Reviererfahrung machen dem Kapitän Jan Sundin auch bei dem aufkommendem Sturm keine Sorgen. Er denkt vielmehr an die Geschenke, die er seiner Frau und dem kleinen Sohn in London kaufen will.  Da fällt die Maschine aus.

Er eilt in das Ruderhaus, prallt fast mit dem Maschinisten zusammen, der berichtet, dass ein Ölfilter in der Brennstoff-Leitung verstopft ist. Der zuverlässige Rudergänger meldet: Schiff steuert nicht mehr! "Wie auch, ohne Maschinenkraft?" - gibt der Kapitän zurück.

Maschinist und Kapitän versuchen trotz schlimmster Schiffsbewegungen, die Maschine wieder in Gang zu bekommen. Alle Anstrengungen sind vergebens, der Defekt ist mit Bordmitteln und bei dem furchtbaren Schlingern des KÜMOs nicht zu beheben.

Es ist Mitternacht, das Schiff befindet sich nördlich der niederländischen Insel Vlieland und treibt im Strom davon. Keine Funkanlage an Bord – kein Hilferuf möglich! Signale, die die Manövrierunfähigkeit deutlich machen, werden gesetzt.

Ein deutsches Frachtschiff kommt und macht einen Schleppversuch, der mit dem Bruch der Schleppleine nach einigen Seemeilen beendet werden muss. Der nächste Schleppversuch durch das große Motorschiff „Gustav Pistor“ wird gar nicht erst unternommen, weil der Kapitän die kleine „Nossan“ beim Näherkommen glatt überrollen würde. Die einzige Hoffnung der Seeleute ist, dass die anderen Schiffe per Funk Hilfe herbeiholen.

Alle halbe Stunde wird bei Dunkelheit nun eine Notrakete abgefeuert, bis der Vorrat verbraucht ist. Auch der Reeder im fernen Schweden hat keine Ruhe, eine Anfrage beim Londoner Hafen bleibt ergebnislos. So bittet er die Küstenfunkstellen um Hilfe. Es werden Suchmeldungen ausgesendet. Die Schiffsmannschaft hat mittlerweile unter Lebensgefahr einen Teil der Decksladung über Bord geworfen und den Rest wieder ordentlich befestigt, was sonst nur in Ruhelage in einem Hafen möglich ist. Das vorherige Ausbringen eines Treibankers hat nur kurzzeitig Erfolg gebracht, er ist von der See zerstört worden.

Wenn ich mich jetzt an das Wetter an der Strandmauer erinnere, kann ich mich in die Lage der Seeleute versetzen, die diese Arbeiten auf See verrichteten - und das ohne jeglichen Unfall.

Die Inselglocke Baltrum Weihnachtsausgabe - 2004

Die DGzRS (Deutsche Gesellschaft zu Rettung Schiffbrüchiger) wird eingeschaltet und bittet die Royal Navy (Luftwaffe der britischen Armee) um Suchflugzeuge. Damals gibt es noch keine deutschen Suchflugzeuge. Motorrettungsboote und Bergungsschlepper werden alarmiert: Die „Langeoog“ von der gleichnamigen Insel, die „Lübeck“, stationiert auf Wangerooge, der Versuchs-Rettungskreuzer „Bremen“, der sich auf der Seeposition im „Nasse Dreieck“ befindet, die Bergungsschlepper “Seefalke“ vor der Emsmündung, die „Wotan“ sowie die „Danzig“ vor Cuxhaven.

Die „Langeoog“ unter der Leitung des Vormanns Hillrich Kuper, dem Motormann Hans Bux und dem freiwilligen Rettungsmann Tjard Mannott laufen trotz fast undurchdringlicher Brandung zwischen Baltrum und Langeoog in das Suchgebiet, in dem kurz zuvor eines der beiden Suchflugzeuge die „Nossan“ mit schwerer Schlagseite treibend gesichtet hat.

Vormann Sucht mit seiner bewährten Mannschaft findet im Bereich der angegebenen Position kein Schiff. Er meldet dieses per Grenzwellenfunk über „Norddeich Radio“ an die Seenotleitung Bremen.  Das Gespräch endet mit der Zusage, weiter zu suchen.

Das MRB „Lübeck“ bricht wegen eines sturmbedingten Schadens den Einsatz ab. Da die Fliegermeldungen, wie aus den vielen Sucheinsätzen während des Krieges bekannt, nicht immer verlässlich sind, ändert Vormann Kuper den Kurs nordwärts. Später dann, endlich, ruft er seinem Rettungsmann Mannot zu: „Liek vöruut, doar drifft de Nossan“.

Die seit drei Tagen in Seenot befindliche Mannschaft hofft auf Hilfe. Nachdem die Suchflugzeuge bei Einbruch der Dämmerung heimwärts fliegen, wird mit dem Eintreffen von Bergungsschleppern gerechnet. Die Männer haben in einem Eimer Öl in Brand gesteckt, um auf sich aufmerksam zu machen. Erstaunt sind sie, als ihnen an Stelle eines großen Dampfers nun ein kleines, weißes Rettungsboot zu Hilfe kommt.

Die Schleppverbindung kann verhältnismäßig schnell hergestellt werden. Ein durchziehendes Gewitter verhindert eine Funkverbindung. Die Seenotleitung Bremen fragt bei Frau Kuper nach, ob sie etwas über den Verlauf des Einsatzes erfahren habe. Da dies nicht der Fall ist, begibt sie sich auf die nahe Seenotbeobachtungsstelle.

Selbst mit dem guten Doppelglas ist nichts zu sehen. Eine Funkverbindung wäre auch von dort wegen des nahen Gewitters unmöglich.

Erst kurz vor Cuxhaven kann die „Langeoog“ über Elbe-Weser-Radio den Einsatz-Erfolg an die Zentrale in Bremen melden.

Die „Danzig“ nimmt die „Nossan“ auf den Haken, nachdem kurz zuvor die Schlepptrosse zwischen der „Langeoog“ und dem Havaristen gebrochen ist.

Hillrich Kuper begleitet den Schleppzug bis nach Cuxhaven. Bei einem Trossenbruch könnte das

wendige Motorrettungsboot schneller die Schleppleine klarieren als der behäbige Bergungsschlepper. Das Schwesterschiff, die „Wotan“, hatte sich wieder auf Seeposition begeben, um schnell zu einem eventuellen weiteren Einsatz kommen zu können.

Tatsächlich bricht die Schleppverbindung! Durch die schnelle Wiederherstellung kann aber die Strandung der „Nossan" auf dem großen Vogelsand – einer gefährlichen Sandbank in der Elbe-Mündung – verhindert werden.

Eine Stunde später liegt die „Nossan“ sicher am Kai des Hafens, bereit für die Maschinen-Reparatur.

Das gute Zusammenspiel aller an der Aktion beteiligten Mannschaften und Rettungsmittel und die gute „Spürnase“ des Vormanns Kuper haben der gierigen Sturmsee ein nahezu sicheres Opfer entrissen.

Sei die Gelegenheit hier genutzt, allen, auch wenn sie heute nicht mehr leben, für ihre Einsatzbereitschaft und ihren Mut zu danken, und die Hoffnung auszusprechen, auch künftig immer gute Retter auf See, an Land und in der Luft zur Verfügung zu haben, die bereit sind, anderen Hilfe zu bringen.

Frohe Weihnachten und ein gutes, erfreuliches neues Jahr, wünscht allen Lesern und allen Rettern

 

Heino Comien

Foto DGzRS