Morgen, Kinder, wird's was geben

 

Wahre Freude ist eine ernste Sache

 

Keine Freude.

Die Kinder sind gut gerüstet, als ihnen der Weihnachtsmann mit seinem dicken Buch gegenübertritt. „Wir bereuen nichts!“ Eher aus Furcht haben sie sich mit Stolz und Härte gewappnet: dem zeigen wir’s. Um mutiger zu sein, haben sie sich an den Händen gefasst. Ein kleines Zeichen ihrer noch nicht ganz überwundenen Furcht?

 

Keine Reue.

Auch das wird es Weihnachten geben, vermutlich mehr, als uns allen lieb ist. Irgendwie läuft ja alles, nicht gerade rund, aber es läuft. Die Vorbereitungen klappen so einigermaßen. Äußerlich. Innerlich, meinen viele, gibt es ja sowieso nichts zu tun. Innerlich bleibt alles beim Alten. Und sollte es doch irgendwo einen kleinen Anflug von Selbstvorwürfen geben, gibt es ja noch die Haltung der Kinder, die ihrer leisen Furcht trotzen: wir bereuen nichts.

 

Könnte es sein, dass Reue und Freude nahe beieinander wohnen und die Freude sich so selten einstellen will, weil eine gewisse Reue fehlt? Oder vorsichtiger gefragt: weil ein gewisses Einhalten und Überdenken des Lebens und des Handelns und der vielen Pläne fehlt? Könnte ja sein.

 

Die Inselglocke Baltrum Weihnachtsausgabe - 2004

Reue erfordert viel Kraft. Da werden auch Kräfte gebunden, die gut woanders eingesetzt werden könnten. Selbstbehauptungen erfordern eine Menge Arbeit; festhalten an sich selber ebenso. Wer manchmal ganz genau in die Gesichter derer schaut, die an der Selbstbehauptung arbeiten, ahnt etwas von dem Kraftakt, der dazu nötig ist. Ja – sicher – Einhalten und Überdenken sind auch nicht gerade leicht, haben aber eine andere Folge: Jedes Eingeständnis ist auch wie eine Befreiung und öffnet kleine neue Räume, in denen dann eine gewisse Freude Platz nehmen kann.

 

Güte jedenfalls kommt nicht aus der Selbstbehauptung, daraus folgt meistens nur Strenge. Güte kommt eher aus der Freude. Wer seine Schwächen ansieht und kennen gelernt hat, ist anderen gegenüber eher zurückhaltend und manchmal gütig. Paulus ermuntert zur Güte, weil er sich gut kennt. Paulus rät zur Freude, weil er diese Lebenshaltung christlicher findet als ständiges Mäkeln an allem und jedem. Die Nähe des Herrn, findet Paulus, erlaubt uns eine Menschlichkeit, die höher ist als alle Vernunft.

 

Keine Reue, keine Freude.

Es mag manchmal vernünftig klingen, nichts zu bereuen, auch wenn dann die Freude ausbleibt. Aber es gibt Zeiten und Orte, da darf es eben höher sein als alle Vernunft. Und wenn die Güte dann auch noch Freude macht, ist das auch wieder sehr vernünftig. Und dann ist Gott angekommen, ganz klein. Dann ist Weihnachten. Der alte Seneca hat Recht: „Wahre Freude ist eine ernst Sache.“

 

Ein gesegnetes Weihnachtsfest wünscht Ihnen

Ihre Inselpastorin Hedwig Friebe

(nach Gedanken von M. Becker)