Die Inselglocke Baltrum
Flora und Fauna des Wattenmeeres


Die siebenschwänzige Wattkatze oder warum der Queller „Queller" heißt 
Es ist noch gar nicht lange her, nur einige Millionen Jahre, da lebten auf der Erde ganz andere Wesen als heute. Das Wattenmeer existierte noch nicht, und alle Flächen waren trocken bis etwa zur Mitte der jetzigen Nordsee. Es gab Sümpfe, in denen im Sommer bunte Libellen lebten, Reptilien flogen durch die Luft, und die ersten Säugetiere bevölkerten die weiten Landstriche. Von vielen Tieren der damaligen Zeit ist heute nicht einmal mehr ein Fußabdruck erhalten, und so wären uns noch einige Tiere unbekannt geblieben, wenn nicht alte Geschichten eine Ahnung von dem Wirken und Leben dieser Wesen geben könnten. 

In den warmen Sümpfen des alten Festlandes gab es ein Tier, das mit dem Namen „Siebenschwänzige Wattkatze" in etwa umschrieben werden könnte. Diese Katze besaß dem Namen nach nicht nur einen, sondern gleich sieben Schwänze, über deren Funktion wir heute nur spekulieren können. 

Diese Tierart liebte das unwegsame Gelände der Sümpfe, denn sie führte ein heimliches Leben und scheute den Blick der anderen Lebewesen, so wie unsere Wildkatze heute auch. Dabei war sie durchaus behende, sprang schnellen Fußes von Baum zu Baum, ernährte sich von allerlei Getier und verschmähte auch die süßen Früchte der Bäume nicht. Die mit ihr verwandten Meerkatzen legen Zeugnis darüber ab, dass Katzen gerne Süßes essen - wie die berühmten „Naschkatzen". 

In den großen Weiten lebten damals mehrere Katzenfamilien, die tunlichst darauf bedacht waren, unabhängig zu sein, sich von ihrem Nachbarn abzuheben, sich abzugrenzen und etwas Eigenes darzustellen. So fanden oftmals Stammesfeden statt, und letztlich waren die Grenzen zwischen den Familien so fest gesteckt, dass es keine Verpaarungen unter den Gruppen mehr gab. 

So entwickelten sie sich allmählich auseinander, und vor allem an den Schwänzen bildeten sich bald Unterschiede heraus: Es gab reptilienähnliche und tannenzweigähnliche. 

Die Familie waren so mit ihrer individuellen Entwicklung beschäftigt, dass sie kaum wahr nahmen, wie sich im Laufe der Zeit das Klima in ihrer Heimat veränderte. Die Sommer wurden heißer, im Winter gab es kaum Schnee, und die Pflanzen wuchsen immer üppiger. Die Katzen wunderten sich, was es alles zu essen gab: Feigen, Granatäpfel, ja sogar Palmen kamen allmählich auf. 

Was sie nicht bemerkten, war das Wasser des Meeres, das sich vermehrte. Es stieg immer höher, überschwemmte das Land und lief in die Sümpfe. Viele Katzen starben, als sie nichts mehr zu essen fanden, ihre Körper verdorrten oder lagen in den nunmehr salzigen Sümpfen herum. Ob es Überlebende dieses Umschwungs gegeben hat ist ungewiss - von den Dinosauriern weiß man ja ebenfalls nicht, ob es nicht doch noch einen gibt, zum Beispiel in einem schottischen See. 

Zumindest die Schwänze dieser vom Aussterben bedrohten Rasse lebten weiter, wie bei den Eidechsen (und hier macht sich eben ihre Verwandtschaft zu den Reptilien bemerkbar). Sie machten sich quasi selbständig, sogen sich voll Salzwasser, vergrünten mit der Zeit und schafften es wie die Pflanzen zu leben. Noch heute findet man die Schwänze mal aufrecht, mal schräg oder auch flach auf dem Wattboden liegend, und man fragt sich, ob die Wattkatzen vielleicht versucht haben, dem Tod durch Eingraben zu entgehen. Die Wissenschaft hat die Überbleibsel „Queller" getauft, was wohl an die sich vollsaugenden - quellenden - Schwänze erinnern soll. 

Die Sippe der Wattqueller besiedelt mit ihrem häufigsten Vertreter, dem Schlickwattqueller, den Gezeitenbereich und die angrenzenden Standorte, die noch häufig überschwemmt werden. Auf den Sandplaten am Ostende der Insel Baltrum findet sich ein besonders imposanter Queller: Es sind die Schwänze der seltenen Sandwattkatze. 

Auf dem Lande hingegen trifft man die Sippe der Landqueller. Von diesen findet man hauptsächlich den Kurzährenqueller in verschiedenen Formen, mal tannenzweigartig, mal reptilienschwanzartig. Ob diese verschiedenen Schwanzformen auf neue Quellerarten schließen lassen, ist zur Zeit eine heiß diskutierte Frage der aktuellen Quellerforschung. 

In warmen Sommernächten meint man gelegentlich das Wimmern der Wattkatzen zu vernehmen, auch die Bläschen im Watt könnten darauf hindeuten, dass vielleicht noch einige der Tiere im Wattboden leben und nur ihre Schwänze aus demselben herausgucken. 
Torsten Moschner / Frank Nennen

Die Inselglocke Baltrum