Sturmflut! Vor 25 Jahren  

Akute Gefahr für die Insel Baltrum!   

Sobald die Sommersaison vorbei ist, machen die Baltrumer Urlaub. 

Meinen Herbsturlaub verbrachte ich damals im Teutoburger Wald. Es war ein kühler, stürmischer Herbsttag, der 13. November 1973. Von einem langen Spaziergang zurückgekehrt, schaltete ich das Radio ein und hörte soeben noch die Sprecherin sagen: „Die Strandmauer auf der Nordseeinsel Baltrum ist auf einer Länge von fast 30 m stark beschädigt". 

Sofort eile ich zum nächsten Telefon und rufe zu Hause an, um Näheres über die Sturmflutschäden zu erfahren. Meine Mutter meldet sich, kann mir aber keine aufschlussreiche Informationen geben. Seit Stunden, so sagt sie, sind Feuerwehrangehörige, die Arbeiter des Wasser- und Schiffahrtsamtes und viele Einwohner im Einsatz. Zu später Stunde ruft mich mein Vater an und gibt mir einen umfassenden Bericht über die Geschehnisse. 

Die untere Wandelbahn ist, wie im Radio schon berichtet, auf ca. 30 m fast gänzlich zerstört. Durch den sofortigen, gezielten Einsatz sollte erreicht werden, dass die nächste Tiede keinen größeren Schaden anrichten kann. Zunächst ist die Gefahr gebannt. Niemand denkt im Augenblick daran, dass zwei Tage später ein neues Sturmtief die Nordsee aufwühlen könnte und damit eine erneute, noch größere Gefahr für Deiche und Strandmauern vor der Tür steht. Diese Sturmflut vergrößert das Loch auf fast 60 m. So wie der Rundfunk berichtet, versuchen die Inselbewohner, unterstützt durch die Arbeiter des Wasserschifffahrtsamtes und auch durch ortsfremde Handwerker, einen Durchbruch zu verhindern. 30 Soldaten der Bundeswehr werden kurzerhand eingeflogen. Wiederum frage ich telefonisch nach, wie es auf Baltrum aussieht. Wenn mir beim ersten Mal auch versichert wurde, ich könnte meinen Urlaub bis zum Ende in Örlinghausen verbringen, so sieht es jetzt schon ganz anders aus. So schnell wie möglich muss ich nach Hause. 

Am nächsten Morgen holt mich ein Freund mit seinem Pkw ab und bringt mich in rasanter Fahrt nach Neßmersiel. Wenige Minuten vor der Schiffsabfahrt erreichen wir den Hafen. Gut 30 Minuten später legt das Schiff im sturmflutgeschädigten Hafen auf Baltrum an. Nach dem späten Mittagessen mache ich einen kurzen Rundgang; die ganzen Ausmaße der vorherigen Sturmfluten kann ich jedoch erst am nächsten Vormittag erkennen - ein ruhiger, schöner Herbstsonntag. 

Der Einsatz aller Beteiligten hat sich gelohnt. Ein Durchbruch der Strandmauer und des dahinter liegenden Sanddeiches konnte verhindert werden. Am Montag Morgen, es ist der 19.11.1973, zieht ein Orkantief heran. Sturm aus Nordwest bis Nord mit Stärken von 9 bis 10 und Orkanböen werden angesagt - bahnt sich eine Katastrophe an? 

Die Feuerwehr wird schon vormittags in Bereitschaft gesetzt, Treffpunkt ist 13.00 Uhr an der Schadensstelle. Nach Auskunft des Deutschen Hydrographischen Institutes ist mit einem Sturmflutwasserstand von fast 2,50 m zu rechnen. Der höchste Wasserstand wird um 19.00 Uhr erwartet. Die Gemeindeverwaltung fordert wiederum zur Unterstützung Bundeswehrsoldaten an. Zunächst werden Feuerwehrleute und freiwillige Helfer Sandsäcke füllen, um das vorhandene Loch abzusichern. Zusätzlich wird ein ca. 1 m hoher Sandsackwall auf dem Sanddeich errichtet. Zwischenzeitlich wird ein Landeplatz für die Hubschrauber vorbereitet. Ab 16.30 Uhr erfolgt der Einflug von 60 Soldaten mit Hubschraubern der Luftwaffe. Die Soldaten gehören zum Marineausbildungskommando, das in Aurich stationiert ist. Da die Soldaten nur Schönwetter-Kampfanzüge tragen, muss die Gemeindeverwaltung schnell Regenzeug besorgen. Ein Einsatz ohne Schutzkleidung im Bereich der Strandmauer, über die bereits jetzt die Seen hinwegdonnern, ist schier unmöglich. Das vor kurzem angeschaffte Löschgruppenfahrzeug 8 bewährt sich als Zugfahrzeug für die mit Sandsäcken beladenen Rollwagen hervorragend. 

In Höhe des Hauses Rolinck bricht die untere Wandelbahn auf fast 20 m zusammen. Auch hier wird der Einsatz von Helfern notwendig. Da die Sturmböen aus Nordnordwest kommen, besteht die Gefahr, dass zwischen der Villa Christine und dem Strandhotel die Seen ins Dorf rollen. Hier muss auch noch ein Sandsackwall aufgerichtet werden. 

Das Wasser läuft bis 19.06 Uhr auf 2,62 m über dem mittleren Tiedehochwasser auf. 

Das am 13. November entstandene Loch vergrößert sich trotz aller Bemühungen sowohl in der Länge als auch in der Tiefe. Damit eine erneute Sturmflut nicht den totalen Durchbruch herbeiführt, wird der Einsatz bis ca. 00.00 Uhr fortgesetzt. Hochsteine, Faschinen und Sandsäcke werden zur Bewehrung des Sanddeiches eingebracht. Am nächsten Tag werden 30 Soldaten ausgewechselt und eine Bundeswehrplanierraupe herbeigeschafft. Auf Baltrum vorhandene Baumaschinen und Geräte werden zu diesem dringenden Einsatz hinzugezogen. Die Gefahr, dass bei der nächsten Sturmflut der Sanddeich ganz durchspült und ein Großteil der Insel unter Wasser gesetzt wird, ist nicht mehr von der Hand zu weisen. 

F ü r  B a 1 t r u m  b e s t e h t  a k u t e  G e f a h r! 

Der Regierungspräsident Hans Beutz besucht am Buß- und Bettag mit einem Polizeihubschrauber die Inseln. Er sorgt dafür, dass sofort eine Tiefbaufirma beauftragt wird, das Loch insoweit zu sichern, dass nicht weitere Wintersturmfluten zur Überflutung der Insel führen können. 

Außerdem werden in den nächsten Tagen Schuttsteine zur Insel befördert, um vor Eintreffen der Baufirma weitere Notmaßnahmen im Bedarfsfall selbst ausführen zu können. 

Der Rat der Gemeinde Baltrum tritt zu einer Sondersitzung zusammen. Bürgermeister Mindermann berichtet über die bisher eingetretenen Schäden, und der Rat diskutiert die erforderlichen Schritte der Gefahrenabwehr. Der Bürgermeister bedankt sich bei allen Helfern und besonders bei den beiden Einsatzleitern, die vor Ort hervorragende Arbeit zum 

Wohle der Insel geleistet haben. 

Am Wochenende ist der Bundeswehreinsatz zunächst beendet. Eine Baufirma schafft unverzüglich Geräte, Material und Handwerker zur Insel. 

Zwei Tage später naht das vierte Sturmtief in diesem Herbst, das wieder eine Sturmflut auslösen kann. Die Feuerwehr wird vorsorglich alarmiert und das Seenotrettungsboot „Tamina" muss im Hafen verlegt werden. Nach Einbruch der Dunkelheit beginnen die Deichkontrollen. Der Einsatzstab tritt vor Ort zusammen und beobachtet die Sturm- und Wasserentwicklung. 

Die befürchtete Wasserhöhe von 2,50 m wird nicht erreicht. Der Pegel zeichnet nur 1,20 m als höchsten Stand auf. Eine weitere Verschlimmerung der Schäden tritt diesmal nicht ein. 

Am 06. Dezember geschieht etwas schier Unmögliches: Wiederum naht ein Orkantief. Auch dieses Mal muss mit einem Sturmflutwasserstand von 2,50 m gerechnet werden. Da die Einbruchstelle in Höhe des Hauses Rolinck bereits mit Beton ausgegossen ist, besteht hier keine Gefahr. 

Das Loch in Höhe des Hauses Kap Horn vergrößert sich allerdings, aber auch dieses Mal kann der Durchbruch verhindert werden. Da der Sturm teilweise aus Südwest bläst, ist es erforderlich, auf der Südseite der Insel, am Überweg beim Hotel Fresena einen kleinen Sandsackwall zu errichten. Der südliche Zugang zum alten Ostdorf muss ebenfalls durch Sandsäcke geschützt werden. Der kleine Schutzdeich südlich vom Haus am Meer ist nur geringfügig beschädigt worden. 

Ich mache einen Kontrollgang von Süden her über den Deich bis zum Haus Windhuk und begebe mich dann auf den Höhenweg oberhalb der Randdünen. Dort komme ich gegen den Sturm kaum an. 

Gegen 22.00 Uhr ist Hochwasser und es läuft auf fast 2,50 m über das mittlere Tiedehochwasser auf! Bei Ablaufen des Wassers werden alle möglichen Helfer zur Schadensstelle am Haus Kap Horn beordert. Die Einsatzleitung hat sich, wie auch bei den vorherigen Sturmfluten, im Haus der Familie Günter Recktor eingefunden. 

Im unermüdlichen nächtlichen Einsatz werden bei Orkanböen und tobender See durch viele Helfer, die die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr unterstützen, die eingebrochenen Kanten mit Bruchsteinen verstärkt und mit Sandsäcken weitgehend gesichert. Niemand weiß zur Stunde, ob der Sturm abflauen oder ob die nächste Tiede wiederum ein sehr hohes Wasser heranbringen wird. Nach dreieinhalb Stunden wird um 02.30 Uhr der Einsatz beendet. Zum Glück nimmt der Sturm bald ab. Eine weitere Sturmflut bleibt dadurch aus. 

Aber es kommt noch zu einer weiteren Sturmflut. Am 13.12. - einen Monat nach Beginn dieser unwahrscheinlichen Sturmflutserie - bedroht der sechste Orkan in diesem Herbst Norddeutschland. Wiederum ist mit einem Wasserstand von bis zu 2,50 m über dem mittleren Tiedehochwasser zu rechnen. Da die große Einbruchstelle zwischenzeitlich gesichert worden ist, besteht hier keine akute Gefahr mehr. Allerdings haben die vorherigen Sturmfluten den Süddeich an einigen Stellen beschädigt. Diese Löcher werden mit Sandsackpackungen geschlossen. Wohlgemerkt bestand durch diese kleinen Löcher keine Gefahr für das Dorf. 

Während der Beobachtungen des Wasserstandes auf der Nordseite werden rote Raketen gesichtet. Die Notsignale werden durch weiße Sterne beantwortet. Zusätzlich werden mit dem Scheinwerfer des Feuerwehrfahrzeugs Lichtsignale gegeben. Die Beobachtungen werden sofort an die Seenotleitung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gemeldet. Eine Streife wird in Marsch gesetzt. Sie kommt nach Stunden wieder und berichtet, dass zwischen Baltrum und Langeoog das MRB „Langeoog" gesehen worden ist. Allerdings kommt es zu keinem Rettungseinsatz. Von wem und aus welchem Grunde die Raketen abgefeuert worden sind, wird letztlich nicht geklärt. Wie den Berichten der DGzRS zu entnehmen ist, waren in jener Nacht diverse Seenotrettungskreuzer und Rettungsboote im Einsatz. 

Der erwartete Wasserstand von fast 2,50 m wird nicht erreicht. Es treten auch keine weiteren Schäden auf. 

Zwei Tage vor Weihnachten besucht der Landwirtschaftsminister Johann Bruns mit einer Delegation aus Hannover die Schadensstellen auf den Inseln. Die Bereisung erfolgt mit einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes. Die Schadensstellen sind behelfsmäßig gesichert. Ein Tiefbauunternehmer erhält den Auftrag, mit Jahresbeginn die Strandmauer im großen Umfang sicherer zu machen. 

Anzumerken ist, dass viele Bewohner der Insel, voran die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und, soweit auf der Insel, auch die Arbeiter des Wasser- und Schiffahrtsamtes und des Bauamtes für Küstenschutz große Leistungen vollbracht haben. Natürlich gilt der Dank auch den Bundeswehrsoldaten, die unter großen Anstrengungen mit ihren Hubschraubern Baltrum angeflogen haben und auch den Soldaten, die oft an vorderster Stelle eingesetzt waren. 

Der Erfolg der Einsätze ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist kein Tropfen Wasser durch die Uferschutzanlagen ins Dorf gelangt. 

Eine Unachtsamkeit oder Fehleinschätzung der Einsatzleitung hätte dazu führen können, dass beim Durchbruch des verhältnismäßig dünnen Sanddeiches Baltrum fast vollständig unter Wasser gesetzt worden wäre. Wie ich später einmal in einem Gespräch erfahren habe, waren durch die damalige Bezirksregierung Evakuierungsmaßnahmen für den Fall des Durchbruches bereits vorbereitet. 

In den Folgejahren wurde die Strandmauer vom Westkopf bis zum Strandhotel größtenteils mit einem Schrägprofil und abschließend mit einer dritten Stützmauer aus Beton versehen. 

Heino Comien 

Die Inselglocke Baltrum 

Die Inselglocke Baltrum