Vor 40 Jahren 


Ein Jahreswechsel besonderer Art 
oder 
wie ich Sylvester mir nicht vorgestellt hatte 

Eine Sylvesterfeier im Familienkreis, darauf freute ich mich schon lange Zeit im Voraus. Es fing auch ganz ruhig an. Die ersten Kanonenschläge ungeduldiger Jugendlicher konnten uns nicht beunruhigen. 
Das Fernsehprogramm lief, es war das erste Mal, dass ich so lange aufbleiben durfte. Die Erwachsenen tranken Glühwein, Sekt sollte es erst beim Jahreswechsel um Mitternacht, der gleichzeitig ein Wechsel in ein neues Jahrzehnt mit sich brachte, geben. Unsere Stimmung war gut, die Knaller und Raketen lagen bereit, ich freute mich auf die vielen bunten Effekte am nächtlichen Himmel. Vielleicht war die Sicht gut, denn dann wäre auch das festländische Feuerwerk zu sehen. 
Während wir diesen Gedanken nachgingen und uns das alte Jahr noch einmal durch den Kopf gehen ließen, klingelte das Telefon. Wer wollte uns schon jetzt ein frohes neues Jahr wünschen? 

Niemand! 
Alarm, vier Menschen im Watt, das Wasser steigt, Lebensgefahr! 

Sofort wurden einige in der Nachbarschaft wohnende Feuerwehrkameraden angerufen. 
Die Alarmierten eilten in wärmender Kleidung und mit hohen Stiefel ausgestattet zum Feuerwehrhaus. Ein Kamerad konnte nun erklären, was passiert war: 
Vier Maurer, die bei ihm gewohnt hatten, hatten noch bis zum Einbruch der Dunkelheit am Bau gearbeiet und wollten dann doch noch zu ihren Familien an das Festland. Der Berichterstatter machte es deutlich: "Ich hatte sie alle gewarnt, um 18.30 war Niedrigwasser. 'Ihr lauft in das Hochwasser hinein und das bei Dunkelheit – bleibt hier !'" 
Jede Warnung vergebens. Dafür das Versprechen: "Wir melden uns per Telefon, sobald wir das Festland erreicht haben". 
Dieser Anruf war nicht gekommen. Zwei Stunden nach dem Verlassen der Insel hätte die gute Nachricht "Festland erreicht - ein frohes, neues Jahr!" eintreffen sollen. 
Sie war ausgeblieben. Nun die bange Frage: Haben die Vier sich verlaufen oder wurden sie vom schnell steigenden Wasser vielleicht überrascht und warteten auf einer Sandbank auf Rettung? 

Die Nessmersieler Feuerwehr war ebenfalls zur Hilfe gerufen worden. Sie sollte mit einem großen Scheinwerfer Lichtsignale geben, um den Hilflosen den richtigen Weg zum rettenden Ufer zu zeigen. 
Der Jeep wurde herausgeholt; Kompass und Nachtglas gehörten zur Ausrüstung der Retter. 
Die Fahrt ging zum Südstrand und dann in das Watt, das sich merkbar mit Wasser füllte. Entlang dem ersten Pril, Norderrill genannt, sollte zunächst gesucht werden. 
Ein gefährliches Schlickfeld war eigentlich nicht zu erkennen. 

Doch: Der Jeep versank und konnte weder mit der Kraft seiner Maschine noch unter Einsatz der starken Männer dem Schlick entrissen werden! Zwei Feuerwehrleute eilten sofort zur Insel zurück um Hilfe zu holen. 
Die Suchmannschaft wurde verstärkt, und Pferdegespanne gelangten zur Bergung des Jeeps ins Watt. Der Gedanke, noch andere Feuerwehrfahrzeug zur Bergung einzusetzen, wurde verworfen. Die Suche wurde fortgesetzt, blieb aber erfolglos. Keiner der beteiligten Helfer mochte sich so recht vorstellen, dass die vier - ihnen bestens bekannten Männer - ertrunken sein sollten und ihre Leichen in den nächsten Tagen irgendwo am Flugsaum liegen könnten. 
Das Hochwasser war bald erreicht, weder die Suche und die markanten Lichtsignale hatten nun noch einen Sinn. 
Als sich später herausstellte, dass sie Nessmersiel wohlbehalten erreicht hatten, aber die versprochene Meldung der erfolgreichen Wattquerung nicht gegeben hatten, machte sich einerseits Freude und Entspannung breit. Aber auch Wut kam auf. Vielen Familien war die Freude auf eine ruhige Sylvester-Feier verdorben. 
Ein wichtiges und wertvolles Geländefahrzeug der Feuerwehr war auf jeden Fall zum Total-Schaden geworden. Es konnte zwar am Neujahrsmorgen mit der Kraft vieler Pferde geborgen werden. Das Salzwasser, das in der Nacht darüber weggegangen war, hatte ihn vollends unbrauchbar gemacht. Alle Trocken- und Reinigungsversuche blieben erfolglos. 

Übrigens, wir feuerten unsere Raketen dennoch um Mitternacht ab, auch wenn die übliche Sylvester-Stimmung nicht aufkommen wollte, und wir haben noch viele Jahre Sylvester an diesen denkwürdigen Jahreswechsel gedacht. 

Heino Comien nach den Erzählungen seines Vaters und einem Kurier-Bericht vom 2. Januar 1960. 

Die Inselglocke Baltrum, Weihnachtsausgabe 1999