Die Inselglocke Baltrum
Aus Baltrums Tierwelt 


Samuel Salzkäfer 
Im hohen Bogen wurde er durch die Luft gewirbelt. Na ja. Was heißt schon „hoher Bogen"?! Es waren  nicht mehr als zehn Zentimeter. Aber für jemanden, der selber nur knapp einen Zentimeter misst, sind zehn Zentimeter allemal ein hoher Bogen, etwa so, als wenn ein 
zwei-Meter großer Mensch 20 Meter in die Höhe geworfen würde. 
Das sind zweimal so viel wie ein zehn Meter Sprungturm im Schwimmbad. Der Mensch, der das aushalten müsste, sähe hinterher nicht mehr sehr gesund aus, erst recht nicht nach der Landung! 
Dem kleinen Salzkäfer, von dem hier die Rede ist, machte das alles gar nichts aus. Er landete sanft auf dem Wattboden und bemühte sich, so schnell im Sand zu verschwinden, wie es seine Salzkäferbautechnik zuließ.
Er gehört zur Familie der Kurzflügelkäfer und lebt in der Quellerzone, also ganz nah am Wasser, jedenfalls im Sommer. Sein lateinischer Name ist Bledius spectabilis, der Sehenswerte. Und sehenswert ist er, der kleine Schwarze mit den roten bis orangefarbenen Flügeln. Wir nennen ihn Samuel Salzkäfer und schauen `mal, wie die Begebenheit im Watt weiterverlief: 

Er versuchte also schnell wieder im Sandwatt zu verschwinden. Dazu benutzte er seine winzigen Mundwerkzeuge, mit denen er Sandkörnchen für Sandkörnchen entfernte und an der Oberfläche ablegte. So entstand eine Höhle, eine Röhre mit dem Durchmesser eines knappen Zentimeters, also seiner eigenen Körpergröße, deren Vorhandensein man an Hand des Minihaufens auf dem Wattboden erahnen konnte. 
Aber welches schreckliche Naturereignis hatte nun dazu geführt, daß unser Samuel einem so ungewohnten Höhenflug ausgesetzt wurde? Natürlich kein Naturereignis! Schuld daran war wieder einmal das Nationalparkhaus Baltrum bzw. einer seiner Vertreter, der bei einer Salzwiesenführung seiner Zuhörerschar die Existenz eines Salzkäfers zu erklären und vorzuführen versuchte. 

Das inzwischen geübte Auge dieses Mitarbeiters hatte den klitzekleinen Salzkäferhügel entdeckt und Samuel Salzkäfer alias Bledius spectabilis unbarmherzig mit einer kleinen Klappschaufel aus seiner Heimstatt entfernt und selbige dabei natürlich auch zerstört. 
Nun konnte Samuel sehen, wie er klar kam! Er muss sich beim Häuschenbauen verdammt viel Mühe geben, denn seine bescheidene aber geniale Röhrenhütte, die senkrecht in den Wattboden führt, muss hermetisch gegen Wassereintritt abgedichtet werden. 
Ist der Rohbau; sprich Höhlengang weitgehend ausgehoben, wird noch ein bisschen weiter gegraben. 
Allerdings befördert Samuel die Sandkörnchen jetzt nicht mehr an die Oberfläche, sondern presst Körnchen für Körnchen in die Seitenwände, um die „Mauer" zu verdichten. 
Natürlich wird auch der Höhleneingang ordentlich zugepfropft. Aber trotz dieser Sorgfalt im Häuschenbau muss er nach jeder Flut wieder aufräumen. Das Leben im Watt ist hart! 

Wenn das Wasser wieder abgelaufen ist und die Aufräumarbeiten erledigt sind, kann Samuel auch `mal ans Essen denken. Er ist Algenfresser und speist nur bei Niedrigwasser. Dazu hält er ein Sandkorn mit seinen Mundwerkzeugen fest und leckt den Algenbelag ab. 
Wie viele Sandkörner er ablecken muss, um satt zu werden, entzieht sich der Kenntnis des Erzählers. Jedenfalls ist seine Behausung so angelegt, dass sie im oberen Teil sogar einen Algenvorrat für schlechte Zeiten und bei den Weibchen auch als Futter für die Larven enthält. 

Apropos Larven: Als Samuel dieses unerfreuliche Erlebnis mit dem Höhenflug hatte, war er werdender Vater, denn es war bereits Juni und die milde Witterung sowie der niedrige Luftdruck hatten die Salzkäfer veranlasst, sich zu paaren. Für Samuel bedeutete das allerdings in der Folgezeit nicht sehr viel. Er hatte seine Schuldigkeit getan, der Rest war Frauensache! 

Bevor Frau Salzkäfer ihre Eier ablegen konnte, musste sie allerdings erst einmal anbauen: Kinderzimmer, Eikammern. Sie werden von den Höhlenwänden seitlich ins Watt gegraben. Für jedes Ei eine eigene Kammer. Als Schutz gegen Feuchtigkeit und Pilzbefall hat Frau Salzkäfer dann jedes Ei freischwebend mit einem Kotbällchen an der Kammerwand befestigt. 

Drei Wochen wird es nun dauern bis aus den Eiern Larven werden, die dann mit ihr in der Höhle herumkrabbeln und mit dem vorhandenen Algenvorrat groß gepäppelt werden. 
Wenn sie groß genug sind, werden sie eigene Röhren in unmittelbarer Umgebung der „Mutter-Röhre" bauen mit einer Eikammer zum Verpuppen. Im Spätsommer werden dann die fertigen Käfer schlüpfen und anschließend ihr Winterquartier in höher gelegenen Teilen der Salzwiese aufsuchen. Mutter Salzkäfer hatte also nicht sehr lange mit ihrer Brut zu schaffen. Davon können Menschen nur träumen! 

Vater Salzkäfer aber wusste vermutlich nicht einmal, daß er Kinder hatte! 
Und wer weiß, vielleicht war die Hälfte seiner Nachkommenschaft ohnehin schon von dem räuberischen Laufkäfer Dyschirius gefressen worden? 

Samuel hatte im Augenblick nur ein Problem: Seine neue Röhre musste fertig werden, bevor die Flut kam, denn Salzkäfer verbringen diese Zeit grundsätzlich in ihrer Höhle. Überhaupt leben sie überwiegend unterirdisch. Das unerwartete Erdbeben hatte seinen Tagesablauf ganz schön durcheinandergebracht! 

Ulrike Unger (NPH Baltrum) 

Die Inselglocke Baltrum, Weihnachtsausgabe 1999